Die Familienaufstellung ist eine Methode, die eine komplexe Theorie über die Verbindung des Individuum mit seinem sozialem Umfeld entwickelt hat. Die Grundannahmen, die hinter der Methode der Familienaufstellung stehen, können noch nicht als wissenschaftlich bewiesen gelten. Sie sind jedoch sehr unmittelbar in der eigenen Erfahrung einer Aufstellung nachvollziehbar, wenngleich im Laufe weiterer Anwendung und wissenschaftlicher Forschung, die eine oder andere Hypothese sicher noch zu modifizieren sein wird. Im Wesentlichen lassen sich die Grundannahme bis heute folgendermaßen beschreiben.
Jeder Mensch konstruiert innere Bilder seiner Sozialsysteme, die ihn umgeben, so auch von seiner Herkunftsfamilie. Die Art und Weise wie die Familienmitglieder zueinander im Raum stehen, läßt dabei die Qualität der Beziehung sichtbar werden. Die umgangssprachliche Formulierung, wir stehen gut (oder auch schlecht) zueinander, mag ein Indiz dafür sein, daß Menschen dazu neigen, die unseren Sinnen nicht direkt zugängliche Beziehungsqualität mit Hilfe einer Umsetzung in das Räumliche darzustellen.
Dieses innere Bild über die Beziehungen der Familienmitglieder und der Platz des einzelnen darin ist weitestgehend unbewußt. Jedes Mitglied einer Familie hat wahrscheinlich ein eigenes inneres Bild konstruiert. Voraussichtlich sind diese inneren Bilder veränderlich, ändern sich wahrscheinlich auch spontan mit der Zeit und dem seelischen Befinden des Menschen. Höchstwahrscheinlich konstruiert jeder Mensch solche inneren Bilder auch für die anderen sozialen Systeme, in denen er lebt, wie beispielsweise für das Sozialsystem am Arbeitsplatz oder den Freundeskreis.
Der Platz auf dem sich ein Mensch in seiner Familie einordnet, die Entfernung und Richtung in der er seine Familienmitglieder um sich herum stehen sieht, spiegelt, Konflikte und Spannungen, Loyalitäten und Solidaritäten wider, wie sie die Familie und ihre Atmosphäre prägen. Dabei wirken auch geschichtliche Aspekte der Familienentwicklung in dieses innere Bild hinein. Das heißt, auch bereits verstorbene Familienmitglieder können in dem inneren Bild eine wichtige Rolle spielen, selbst dann, wenn der Mensch diesen Angehörigen nie persönlich begegnet ist. In dem Familienbild verdichten sich also verschiedene Generationen und verschiedene Zeitpunkte der Familiengeschichte miteinander. Auch wenn eine einzelne Familienaufstellung natürlich nicht vollkommen zeitlos ist, so wird in ihr dennoch, ähnlich wie in einem Traumbild, die Zeitdimension relativiert.
Mehr als der Zeitfaktor kann die Bedeutung, die ein Familienmitglied von seiner Familie bekommen hat, die Tatsache beeinflussen, ob und in welcher zentralen Stellung es sich befindet. Dabei erfahren wir natürlich nur die subjektive Wahrnehmung jedes einzelnen, die eine Mischung darstellt aus seinen persönlichen Erfahrungen mit einzelnen Familienmitgliedern und der Dynamik innerhalb der Familie wie sie von dem Familienmitglied wahrgenommen wird.
Die Familie, als das erste und damit die seelische Entwicklung des Menschen am stärksten bestimmende Sozialsystem, ist möglicherweise richtungsweisend dafür wie ein Mensch seinen Platz auch in den anderen Sozialsystemen einnimmt, in die er im Laufe seines Lebens eintritt. Diese Annahme wurde aus der Beobachtung ableitet, daß Menschen dazu neigen, alte Beziehungsmuster auch in den neuen Sozialsystemen wieder herzustellen, in die sie eintreten oder die sie selbst neu erschaffen (z.B. bei Neugründung einer eigenen Familie) und so die alten Konflikte und Spannungen tradieren. Von dieser Theorie ausgehend, lassen sich mit Hilfe der Familienaufstellung nicht nur die spezifischen Beziehungsmuster der Herkunftsfamilie erkennbar machen, sondern auch durch therapeutische Intervention beeinflussen, so daß sich auch die Beziehungsmuster in anderen aktuellen Sozialsystemen ändern.
Damit dies gelingt, muß der Patient die Arbeit mit Familienaufstellungen als ein emotional und kognitiv signifikantes Ereignis empfinden.
Die Familienaufstellung ist eine ideale Technik für die Gruppentherapie. Mit ihrer Hilfe können familiendynamische Konzepte auch ohne die Anwesenheit der realen Familie in die Therapie einfließen. Darüber hinaus ist es ein Verfahren, das über das reine Sprechen und Phantasieren hinaus ein direktes Erleben möglich macht. Die Erfahrung, in einer Gruppe zu stehen und die Gefühle dazu zu äußern, spricht sämtliche wichtigen Wahrnehmungsqualitäten an. Beziehungen werden sichtbar, der Abstand wird fühlbar und schließlich wird hörbar, was andere dazu sagen. Damit bietet diese Vorgehensweise die Möglichkeit auch ohne die Anwesenheit der realen Familienmitglieder einen großen Erfahrungsanteil in den therapeutischen Prozeß zu integrieren.
Bei Patienten, die eine eigene Familie gegründet haben oder in einer verbindlichen Partnerschaft leben, hat es sich bewährt, zwischen der Herunftsfamilie und dem selbst gegründeten System zu unterscheiden. Für jedes Beziehungssystem eine eigene Aufstellung zu gestalten würdigt die Generationengrenze. Es können natürliche auch wichtige Personen der Herkunftsfamilie im einer Aufstellung der selbst gegründeten Familie vorkommen, und umgekehrt, aber der Fokus der Aufmerksamkeit liegt unterschiedlich.
Als Regel wird empfohlen, die jüngere Geschichte vorzuziehen und die Herkunftsfamilie in einem zweiten Schritt aufzustellen. Zum einen wird damit von dem Therapeuten auf einer Handlungsebene bekräftigt, daß die selbst gegründete Familie in der Gegenwart gesunderweise die größere Bedeutung gegenüber der Herkunftsfamilie besitzen sollte, zum anderen lassen sich auf diese Art und Weise besser die Muster aufzeigen, nach denen sich Konflikte aus der Herkunftsfamile in der aktuellen Familie fortsetzen.
Zum Beginn einer Familienaufstellung, muß zunächst ein Überblick geschaffen werden, über die Familienmitglieder.
Für die Aufstellung sind neben den lebenden blutsverwandten Familienmitgliedern auch bereits Verstorbene und unter Umständen auch nicht blutsverwandte Personen relevant, die für das Entstehen der Familie eine bedeutenden Beitrag geleistet haben (dies gilt vor allem für frühere feste Beziehungen wie Verlobungen, geschiedene Ehen etc.).
Manchmal gibt es Familienmitglieder die vergessen worden sind, bewußt ausgeschlossen wurden aus dem Familienverband oder einfach gemieden wurden. Nach diesen Familienmitgliedern muß der Therapeut oft aktiv nach fragen, da sie natürlich nicht spontan mit aufgeführt werden.
Denn diese Familienangehörigen können im Familienverband eine bedeutsame Rolle spielen und gerade durch die Verleugnung zu einem beherrschenden Moment in der Familiendynamik geworden sein.
Beim Erfragen der Schicksale der Familienmitglieder sollte weniger auf die subjektiven Chrarakterbeschreibungen Wert gelegt werden, als auf relativ objektive Fakten (Beruf, Alter, schwere Erkrankungen oder Behinderungen, Todeszeitpunkt und Todesursachen). Subjektive Beurteilungen von Personen, oder Erklärung von Familienvorgängen sollten auch als subjektiv markiert werden, um so ihre Wirkungen überprüfen zu können (z.B. "Ich glaube, daß Vater an Mutters frühem Tod schuld ist, weil er sie immer so schlecht behandelt hat"). Die Fokussierung auf die objektiven Aspekte der Lebensschicksale bzw. deren Subjektivität bewußt zu machen, entlastet den Patienten von Loyalitätskonflikten (selbst dann, wenn er selbst die Wertungen für richtig hält) und führt einer respektvolle Haltung allen Familienmitgliedern gegenüber. Den Patienten fällt es in einer solchen Atmosphäre leichter, sich auf eine Aufstellung einzulassen.
Der Patient, der seine Familiensituation bearbeiten will, bittet andere Mittglieder der Gruppe stellvertretend die Rollen seiner wirklichen Familienmitglieder zu übernehmen. Um die Aufstellungssituation übersichtlich zu halten, hat es sich bewährt, den Patienten aufzufordern die Stellvertreter nicht nach charakterlichen Ähnlichkeiten mit den wirklichen Familienmitgliedern auszusuchen. Dadurch kann verhindert werden, daß sich Gruppenmitglieder gekränkt fühlen, wenn sie für die Rolle eines vermeintlich bösen Familienmitgliedes ausgesucht werden und sich so gruppendynamische Konflikte dem Beziehungsmustern der Familie vermischen. Wenn der Patient andere Gruppenmitglieder bittet, stellvertretend für seine Familienangehörigen eine Positionen einzunehmen, ist der entscheidende psychologische Schritt, daß er sie dazu autorisiert. Die ausdrückliche Aufforderung, die Stellvertreter nicht nach Ähnlichkeiten ihrer Persönlichkeiten auszusuchen, entkoppelt den Prozeß von der Geschichte der Stellvertreter. Äußere Ähnlichkeiten wie Geschlecht und Alter sind allerdings hilfreich, um in der Familienkonstellation leichter den Überblick behalten zu können.
Im nächsten Schritt wird der Patient aufgefordert, den von ihm autorisierten Stellvertretern entsprechend seinem Gefühl im Raum einen Platz zuzuweisen. Dabei ist es günstiger, wenn der Patient die Stellvertreter an den Platz führt und die Standrichtung bestimmt. Ein körperlicher Kontakt ist in diesem Prozeß ausgesprochen wichtig. Das Dirigieren mit Worten ist dagegen ungünstig, da auf diesem Wege der richtige Platz von dem Patienten nicht optimal erspürt werden kann.
Der Patient sollte die Entscheidung über den richtigen Platz spontan während der Aufstellung treffen. Vor allem Patienten, die bereits Aufstellungen durch andere Gruppenmitglieder kennengelernt haben, neigen gelegentlich dazu, ihre eigene Aufstellung vor der Gruppenstunde vorauszuplanen. Diese im Geiste vorgefertigten Aufstellungen führen weg vom Hier und Jetzt und sind von den unbewußten, eventuell konflikthaften, Aspekten in der Regel "bereinigt". Damit geht aber eine besondere Qualität der Aufstellungsarbeit verloren. Die direkte Rückkopplung aus der langsam entstehenden Konstellation ist wichtig, um intuitiv die richtigen Plätze zu bestimmen. Es kann passieren, daß im Laufe des Aufstellungsprozesses die eine oder andere Position noch einmal geändert werden muß. Auf diese Weise entstehende Aufstellungen behalten die Qualität des spontanen, aus dem Unbewußten gespeisten Informationsgehaltes, da sie viel weniger durch Wertvorstellungen und Normen verfälscht werden.
Als erfahrener Beobachter kann man das Aufstellen von vorausgeplanten Konstellationen in der Regel gut erkennen, da sie zu schnell, ohne Aufmerksamkeit gegenüber dem sich langsam entwickelnden Bild und ohne Zögern ablaufen. Meistens ist es sinnvoll, diese Aufstellung abzubrechen und den Patienten freundlich aufzufordern, lieber zu einem späteren Zeitpunkt, noch einmal ohne Vorplanung zu beginnen. Ein Abbruch der Aufstellung darf aber keinen tadelnden Charakter annehmen. Wenn eine solche Situation entstanden ist, läßt sie sich nutzen, um allen Gruppenteilnehmern Mut zu machen auf kognitive Kontrolle zu verzichten und Risiko einer spontanen Aufstellung zu wagen. Die Gruppe sollte instruiert werden, keine Vorausplanungen zu machen.
Die Familienaufstellung spiegelt die verinnerlichte Beziehungserfahrung wider. In der Position, die einzelne Familienmitglieder einnehmen, werden Spannungen und Konflikte für die Stellvertreter erlebbar. Die Wahrnehmung der Beziehungsdynamik erfolgt dabei nicht in erster Linie kognitiv, sondern intuitiv und oft auch mit körperlichen Empfindungen. Durch die Befragung der Personen nach ihrer Wahrnehmung an ihrem speziellen Platz wird das Beziehungsgeflecht "ausgesprochen (im wahrsten Sinne des Wortes)" erkennbar. Besonders relevant sind hierbei alle Äußerungen über emotionale Empfindungen, weniger wichtig Deutungen oder Annahmen. Es wird davon ausgegangen, daß die räumliche Wahrnehmung eine Art "internationale Sprache" darstellt, die es den Stellvertretern möglich macht, aus ihrer Position heraus zu lesen wie sich die wirkliche Person an diesem Platz vermutlich fühlt. Als Fehler können dabei natürlich innere Bilder in die Wahrnehmung hineinwirken, die nicht aus der gerade dargestellten Konstellation stammen, sondern aus der Psychodynamik des Stellvertreters entspringen. Andererseits ist es einem Stellvertreter jedoch viel leichter möglich, seine Wahrnehmungen offen auszusprechen, als es den betroffenen Personen auf Grund ihrer Befangenheit gelingen könnte.
Auch für den Patienten selbst, wird zunächst ein Stellvertreter ausgewählt, der ihn in der Aufstellung vertritt. Dies hat den Vorteil, daß der Patient zuerst eine von außen beobachtende Position einnehmen kann, in der er sein inneres Bild und die Wahrnehmungen der Personen darin mit Distanz erleben kann. Schon die Möglichkeit, das innere Bild von außen betrachten zu können, hat eine therapeutische Wirkung.
Dem Therapeuten hat die Möglichkeit, Arbeitshypothesen zu überprüfen, sie bestätigt zu sehen, oder möglicherweise auch revidieren zu müssen, neue Hypothesen zu bilden und diese wieder verifizieren zu können.
So kann eine Familienaufstellung auch sehr gut als Vorbereitung für ein Familiengespräch mit den wirklichen Familienmitgliedern genutzt werden.
Wenn in der Familienaufstellung schwierige Beziehungsmuster deutlich werden, kann der Therapeut durch Umstellen der Personen in das Bild eingreifen und so Veränderungen einführen. Dabei läßt sich unmittelbar überprüfen, welche Wirkungen diese Veränderungen nach sich ziehen, indem als Zwischenschritte immer wieder alle Mitglieder in der Familienaufstellung befragt werden, welche Gefühle die Veränderungen in ihnen auslösen. Veränderungen, die sich als lösend und entspannend erweisen, können belassen werden. Nach und nach kann so ein Familienbild entstehen, das ein niedrigeres Spannungsniveau enthält, weil die Familienmitglieder passendere Plätze zueinander einnehmen. Auch für den Patienten kann sein guter Platz gefunden werden. Hierbei können Veränderungen einerseits entsprechend bestimmten Grundregeln eingeleitet werden (z.B. eine erkennbare Trennung der Generationengrenzen oder eine Aufstellung der Geschwisterreihenfolge nach Alter), anderseits gilt es oft, die besonderen Schicksale der speziellen Familie zu würdigen und individuelle, von der Norm abweichende Lösungen zu erarbeiten.
Eine wichtige Interventionsmöglichkeit besteht darin, Personen in die Familie einzuführen, die zunächst keinen Platz erhalten hatten, sei es auf Grund einer bewußten Ausstoßung aus der Familie, oder einer unbewußten Tabuisierung. Hierbei können auch Personen wichtig sein die nicht mit (oder nur mit einem Teil) der Familie blutsverwandt sind, wenn ihre Wirkung einen wesentlichen Einfluß auf die Entwicklung der Familie genommen hat (z.B. ein geschiedener Ehepartner oder ein uneheliches Kind). Auch die Einführung dieser Personen und ihrer Bedeutung kann sofort anhand der Reaktionen der Gruppe überprüft werden. Suggestive Effekte von Seiten des Therapeuten sind dabei natürlich als verfälschende Einflüsse nicht auszuschließen.
Am Ende kann sich der Patient selber in die veränderte Familienkonstellation hineinstellen und so das neue Familienbild verinnerlichen.
Darüber hinaus kann die Arbeit der Familienaufstellung auch einen allgemeinen Trainingseffekt, mit einer erhöhten Sensibilität für das soziale Beziehungsgeflecht, als therapeutischer Nutzen erzielen. Dies geschieht mit jeder Aufstellung in der sich jemand als Stellvertreter beteiligt.
Es kann ein sinnvolles Experiment sein, nicht nur reale Personen in eine Aufstellung einzubeziehen, sondern auch anderen Einflußfaktoren eine Stellvertreterposition zuzuweisen. Beispielsweise kann der familieneigene Betrieb, oder das Symptom des Patienten eine solche Macht in der Familiendynamik erlangen, daß es lohnt hierfür symbolisch eine Position in der Familie zu besetzen, um leichter eine Lösung zu finden. Der Familienbetrieb wird dann z. B. wie jedes andere Familienmitglied einbezogen und befragt.
Ähnlich den hypothetischen Fragen in der Sytemischen Therapie, lassen sich mit Hilfe der Familienaufstellungen auch hypothetisch verschiedene zukünftige Entwicklungen mit ihren Auswirkungen in den Beziehungen ausarbeiten. Bei einer Familie in einer Scheidungsituation lassen sich beispielsweise verschiede Wege mit ihren Auswirkungen erkennbar machen. Was passiert z.B. wenn die Kinder zur Mutter gehen, oder wenn sie zum Vater kommen, wenn neue Partner dazukommen etc.? Im besten Sinne einer konstruktivistischen Weltanschauung kann auf diesem Wege "die Illusion der Alternativen" (siehe: Paul Watzlawick, "Menschliche Kommunikation" 1969) aufgelöst und die Vielzahl der Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.
Besonders durch die Arbeit von Frau Stierlin ist eine Form der Familienaufstellung bekannt geworden, in der der Therapeut keine Veränderungen einleitet, sondern die Stellvertreter auffordert, alleine Verbesserungen ihrer Positionen auszuprobieren. Nach der Aufstellung und einer ersten Schilderung alle Beteiligten über die Wahrnehmungen in ihrer Position, wird eine Phase eingeleitet wo jeder Stellvertreter nach seinen Bedürfnissen seine Position verändern kann. Ähnlich einem aus dem Gleichgewicht gebrachten Mobile gerät eine Veränderungsdynamik in Gang bis ein neues Gleichgewicht gefunden wurde und die Dynamik wieder zur Ruhe kommt. Dann wird die Aufstellung wieder "eingefroren" und alle Beteiligten werden ein weiteres Mal nach ihren Wahrnehmung befragt.
In den letzten Jahren ist die Vorgehnensweise der Familienaufstellung vor allem durch die Arbeit von Bert Hellinger populär gemacht worden. Er verwendet eine phänomenologische Grundhaltung. D.h. er geht davon aus, daß es eine objektivierbare Wahrheit gibt, die von ihm als geschulten Therapeuten mehr oder weniger genau "wahr - genommen" wird. Mit dieser Weltanschauung unterscheidet sich Bert Hellinger vor allem von der Heidelberger Schule der Systemischen Therapie, die sich um Helm Stierlin gebildet hat. In dieser Gruppe von Therapeuten, die sich zur IGST (Internationale Gesellschaft für Systemische Therapie) zusammengeschlossen haben, bildet der Konstruktivismus den philosophischen Hintergrund. Vom Standpunkt eines konstruktivistisch denkenden Therapeuten erscheint der Anspruch nicht vertretbar, endgültige Wahrheiten zu finden. Vielmehr geht dieser Ansatz davon aus, daß jeder Mensch seine eigene Wahrheit konstruiert. Familienaufstellungen können auch unter dieser Prämisse therapeutisch sinnvoll durchgeführt werden. Das neu entwickelte Familienbild wird als nützliche neue Konstruktionen verstanden, ohne einen Anspruch an eine endgültige Wahrheit. Allerdings wird ein aus der konstruktivistischen Sichtweise heraus handelnder Therapeut zurückhaltender mit Interventionen umgehen und er wird insgesamt weniger einwirken sondern statt dessen mehr den Prozeß der Gruppe nutzen.
Ich meine, daß, eine persönliche Integrität des Therapeuten vorausgesetzt, unter beiden Ansätzen eine gute Arbeit mit Familienaufstellungen möglich ist. Aus welcher Weltanschauung heraus er handeln will, muß jeder Therapeut selber entscheiden.
Suggestive Effekte durch den Therapeuten sind auch bei dieser Therapie kaum ernsthaft zu leugnen, wobei sich die Familienaufstellung dabei nicht wesentlich von den anderen Therapiemethoden unterscheidet, da grundsätzlich (auch in den nondirektiven Therapieverfahren) von einem Therapeuten eine suggestive Wirkung ausgeht. Will der Therapeut suggestive Effekte möglichst auf ein Minimum reduzieren, wird er eher eine vorsichtige und nicht zu apodiktische Vorgehensweise bei der Arbeit mit der Familienaufstellung bevorzugen.
Besonders aus der Sicht der Konstruktivisten kann die Familienaufstellung keine Wahrheiten beweisen. Wenngleich die Beobachtungen in einer Familienaufstellung auch diagnostischen Wert besitzen, sollte vor der Gefahr gewarnt werden, die Methode als Lügen - oder Wahrheitsdetektor anzusehen.
Wenn beispielsweise ein ungeklärter Verdacht eines sexuellen Übergriffes in einer Familie besteht, kann auch eine Familienaufstellung keinen endgültigen Aufschluß darüber geben was vor vielen Jahren "wirklich" passiert war. Vielleicht ist es möglich, zu verifizieren, daß eine ödipal gefärbte Beziehung zwischen einem Elternteil und dem Kind bestand, wenn sich z. B. eine Tochter bei einer Familienaufstellung an die Seite des Vaters auf den Platz stellt, an dem eher die Mutter zu erwarten wäre. Die Arbeit an einer Lösung durch eine Veränderung des Platzes ist hierbei jedoch auch unabhängig davon möglich, eine letzte Sicherheit zu erlangen, was "wirklich" in der Beziehung zwischen Vater und Tochter geschehen war.
Wie schon eingangs erwähnt, fehlt bisher noch eine Absicherung der Familienaufstellungen unter den heute geltenden wissenschaftlichen Kriterien.
Aber selbst wenn das innere Bild keine so große Bedeutung für die Persönlichkeit besitzen sollte wie dies gegenwärtig angenommen wird, so bietet die Arbeit mit der Familienaufstellung doch eine hervorragende Möglichkeit, Familienbeziehungen mit dem Patienten grundsätzlich zu thematisieren. Vielleicht sollten im Laufe der Erfahrungen auch das Erarbeiten einzelner Schritte der Veränderungen, gegenüber dem Ziel ein optimales neues Bild zu finden in den Vordergrund treten.
Um eine gute Verarbeitung der angestoßenen psychischen Prozesse zu gewährleisten, sollten die erarbeiteten, psychisch relevanten Fakten möglichst in einem fortlaufenden therapeutischen Prozeß eingebettet sein. Ein Anspruch, daß mit einer Familienaufstellung alle psychischen Probleme zu überwinden sind, ist unrealistisch. Er birgt die Gefahr, daß die realistischen Möglichkeiten der Methode in der Enttäuschung übersteigerter Erwartungen untergehen. Jedoch kann eine Aufstellung ein wertvoller Teilschritt eines umfassenden Therapieprozesses sein.
Autor:
Rolf Krause
Facharzt für Psychotherapeutische Medizin
Facharzt für Psychiatrie
Fabrikstr. 2
76337 Waldbronn